Sind es Wesen von anderen Welten oder einfach nur Spaßvögel? Die Frage nach den Urhebern der merkwürdigen Kreise auf den Kornfeldern der englischen Grafschaft Wiltshire spaltet regelmäßig zur Sommerzeit die britische Öffentlichkeit.

Rob und Stuart sind überzeugt: "Es sind Botschaften von anderen Wesen." ’ran-Autorin Dora Traudisch traf die beiden im Kornfeld und wollte von ihnen wissen: Wie seid ihr dem Kornkreis-Rausch verfallen?

"Manche denken, hier würden nur ein paar Leute mit Holzlatten Korn platt trampeln. Ich bin davon überzeugt, daß hier mehr passiert." Jedes Sommer-Wochenende pilgert der 27-jährige Rob Speight aus London zusammen mit dem 30-jährigen Stuart Dike aus Bristol, Kamera und zwei-Meter-Megastativ in die englische Grafschaft Wiltshire, dem sagenumwobenen König-Arthur-Land. Dort vermessen und fotografieren sie die seltsamen Kornkreise, die in den Monaten Mai bis August auf den Kornfeldern der Grafschaft scheinbar aus dem Nichts heraus entstehen. Jeden Sommer sind es Hunderte, die fast immer über Nacht auftauchen. Wobei jedes Muster einzigartig ist: Manches mit einem drei-Meter-, manches mit einem dreihundert-Meter-Radius. Seit zehn Jahren schon sind die beiden — wie viele ihrer Landsleute — vom Kornkreis-Virus infiziert. Es begann "harmlos" mit Diskussionen am Arbeitsplatz und steigerte sich nach einem "Erlebnis", das Rob vor ein paar Jahren im Kornfeld hatte: "Zur Spurensuche bin ich mit einem Bekannten den Traktormarkierungen entlang bis in eine Waldschonung gefolgt. Als wir uns umdrehten, sahen wir eine Lichtkugel aus dem Kornkreis nach oben steigen und uns folgen. Wir sind gerannt, so schnell wir konnten..."

Trotz aller Kornkreis-Begeisterung bestreiten Rob und Stuart nicht, daß auch sie bis heute noch keine Antworten auf ihre Fragen haben: Sind die Kreise Nachrichten aus dem All oder eine Manifestation von Erdenergien? Sind sie Ausdruck des kollektiven Unbewussten im Zeichen des "new age" oder lediglich ein genialer "Schildbürgerstreich"?

Tatsache ist, dass die Kornkreise die Briten spalten: Die einen sind davon überzeugt, dass die Formationen eine tiefere Bedeutung haben, also "geniale Kunstwerke" sind, die anderen glauben, alles sei Schwachsinn, weil sich bereits mehrere Schlitzohre als Kornkreis-Macher outeten. Das alles beeindruckt die eingeschworene Kornkreis-Gemeinde wenig. Rob: "Mir ist egal, ob einige oder auch alle Formationen von Menschenhand gemacht werden. Sie sind und bleiben faszinierend."

1678 tauchte in Wiltshire die erste Abbildung eines Kornkreises auf. Die Kirche reagierte sofort und verdammte die Formationen als "Teufelswerk". Genau drei Jahrhunderte passierte nicht allzuviel in der Kornkreis-Szene, 1978 aber erschütterte die Insel eine wahre Kornkreis-Welle.

Seit Mitte der 80er Jahre schließlich sind Kornkreise zu einer britischen Obsession geworden. Sommerzeit in Großbritannien ist immer auch Kornkreiszeit: Vier Fachzeitschriften berichten regelmäßig, fast jeden Abend treffen sich die Kornkreis-Fans im "Barge Inn Pub" in Alton Barnes, um Fotos und Daten der neuesten Kornkreis-Formationen auszutauschen. Einmal jährlich findet in Glastonbury sogar ein riesiges Kornkreis-Symposium statt. Dazu informieren regelmäßig mehrere Internet-Seiten (auch Rob und Stuart haben eigene Homepages) über aktuelle Kornkreise und Hintergründe.

Selbst eingefleischte Kornkreis-Gegner müssen mittlerweile zugeben, daß das Entstehen der Formationen von vielen nicht erklärbaren Phänomenen begleitet wird:

So finden Wissenschaftler im Zentrum der Kreise häufig 20-250 Milligramm (mg) Meteoritenstaub. Eine durchschnittliche Erdprobe enthält aber nur 0.4 mg.

Außerdem belegen Messungen in den Kreisen die Existenz einer "ungewöhnlich starken elektrischen, magnetischen und Mikrowellen".

Immer wieder berichten Augenzeugen von den Lichtkugeln, die sich vor oder nach Entstehen der Kornkreise über den Formationen bewegen. Manche halten diese Lichtkugeln für eine Art UFO, andere für eine "unbekannte Energieform".

Ein weiteres ungeklärtes Phänomen ist die Tatsache, daß elektronische Geräte wie Mobiltelefone oder Videokameras in den Kornkreisen "verrückt spielen".

Kornkreis-Forscher haben in zahlreichen Studien belegt, daß alle Kornkreise den Gesetzen der Geometrie folgen. Die konzentrisch aufgebauten Muster lassen sich oft endlos in weitere Kreise und Dreiecke zerlegen. Die Exaktheit, mit der die Kornmuster geometrischen Regeln folgen, deutet auf eine aufwendige und intelligente Planung der Formationen hin. Viele glauben, daß der Konstruktionsaufwand für "Fälscher" zu groß sei und daß sich manche Kornkreise wohl kaum mit einfachen Werkzeugen über Nacht kreieren lassen.

Die bis dato spektakulärste Kornkreis-Formation tauchte im Sommer 1996 in einem Feld neben Stonehenge auf. Zufall? Bis heute ist das Rätsel von ‘Stonehenge’ ungelöst. Erbaut im Jahre 2000 vor unserer Zeitrechnung, ist bis heute nicht klar, wie der einzigartige Steinkreis in der Nähe des gleichnamigen südenglischen Ortes gebaut wurde und wozu er eigentlich diente.

Die Spiral- Formation neben Stonehenge, die "Julia Set" genannt wird, erschien am hellichten Tag in der Rekordzeit von nur 45 Minuten. Der Pilot Busty Taylor entdeckte das ungewöhnliche Muster im Korn. Weder er noch Besucher oder das Wachpersonal von Stonehenge sahen Menschen, die sich am Kornfeld zu schaffen machten. Das "Julia Set" bestand aus 151 exakt angeordneten Kreisen. Wenn diese Formation von Menschenhand geschaffen worden wäre, dann wären die Macher schwer im "Streß" gewesen - sie hätten alle 30 Sekunden einen Kreis formen müssen. Die "Julia-Formation" mit ihrer unmittelbaren Nähe zu Stonehenge war ein Highlight für die Kornkreis-Gemeinde. Viele glauben ohnehin, daß ein Zusammenhang zwischen den mystischen Ruinen Wiltshires (,Stonehenge‘, ,Silbury Hill‘ und ,Avebury‘) und den Kornkreisen besteht. Die spektakuläre Spiral-Formation schien der ultimative Beweis für diese Theorie zu sein.

Stuart deutet die ,Kreise im Korn‘ als eine Fortsetzung der 4.000 Jahre alten "Steinkreise" von Stonehenge: "Die Kornkreise sind ,temporäre Tempel‘. Was ,Stonehenge‘ für unsere Vorfahren war, das sind die Kornkreise für uns heute. Vielleicht sind die Muster eine zeitgemäße ,Übersetzung‘ der Nachricht, die Steinzirkel wie die in Stonehenge uns bringen sollten."

Auch Rob ist fasziniert vom Mysterium der Kornkreise: "Es ist eines der wenigen Rätsel, die es heute noch zu entschlüsseln gilt. Ein echtes Abenteuer. Und — ehrlich gesagt — finde ich es auch gar nicht wichtig, eine endgültige Erklärung für das Phänomen zu finden. Das würde vielen Menschen den Spaß verderben an ihrem ganz persönlichen Abenteuer."

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