Halb sieben. Die Sonne kitzelt in der Nase.
Zeit zum Aufstehen für Andre.

 

Andre‘s Dusche: nackt schwimmen im Meer. Sein Frühstück: Eine Kokosnuß frisch vom Baum. Hört sich an wie die Geschichte von Robinson Crusoe.

Ist aber Realität für andre, 20 aus Bern. Vor zwei Jahren zog er aus, um das Leben zu lernen. Zuhause hatte er einen guten Job als Jungjournalist. Aber irgendwie war er nicht zufrieden: „Es war immer dieselbe Routine, dieselben Freunde, dieselben Aktivitäten. Ich hatte das Gefühl stehen zu bleiben und wollte einfach Mal ausbrechen aus dem Trott, und mich und das Leben neu entdecken."

Andre entschied sich für den Rucksack statt Schalenkoffer und tauschte die Tretmühle zu Hause gegen das Leben am Traumstrand ein. Seit zwei Monaten lebt er auf Koh Phang Nang, einer tropischen Insel Süden Thailands. Er wohnt in einer kleinen verfallenen Bambushüte an einem naturbelassenem Strand. Auf Luxus und Komfort verzichtet er bewußt. So kann er mietfrei wohn en. Wenn er während seiner Reisen keine Unterschlupf findet, schläft er im Schlafsack unter freiem Himmel — für Ihn die ideale Art zu leben und auf Entdeckungsreise zu gehen: „So lerne ich wirklich Land und Leute kennen. Ich spüre das Klima hautnah, sehe alle möglichen exotischen Tiere. Ich treffe Einheimische, die mich zum Essen und Quatschen zu sich nach Hause einladen." Billig wohnen und immer wieder jobben. Äpfel ernten in Australien, Bäume pflanzen auf Koh Phang Nang. Auf diese Weise ist es andre gelungen mit seinem Mini Budget von 10.000 Franken schon zwei Jahre lang um die Welt zu reisen. Stationen seiner Traumreise, die im Frühjahr 1997 begann: Italien, Frankreich, Spanien, Marokko, Malaisen, Australien, Neuseeland, Indonesien und Thailand. Seine nächste Station ist Indien und danach über Land zurück nach Europa. Durch das Reisen hat Andre gelernt, „loszulassen": „Materielle Güter sind nur ein Klotz am Bein. Als ich aus Bern abflog, wog mein Rucksack noch satte 20 Kilo, jetzt wiegt er nur noch acht. Alles was ich nicht wirklich brauche, habe ich unterwegs getauscht oder verschenkt. Meine Werte haben sich verändert. Statt mir Sachen zu kaufen, sammele ich jetzt Erfahrungen, die umsonst und unbezahlbar sind. Die kann mir keiner mehr nehmen."

Andre‘s Besitztümer passen jetzt in einen kleinen Tagesrucksack: eine Hose, eine Shorts, zwei T-Shirts, ein paar Werkzeuge, eine Machete (zum Kokosnuß öffnen), ein paar Medikamente für den Notfall, Muscheln, Perlen und Silberdraht. Selbstgemachter Schmuck ist Andre‘s Währung, mit der er seine Gastgeber oder Leute, die ihn beim Trampen mitgenommen haben, „bezahlt".

Was war das bisher Schönste auf Andre‘s Reise um die Welt ? „Jeder Tag. Jeder einzelne Moment. Ob ich mit dem Zug durch spannende Landschaften Reise, oder einfach nur faul in der Hängematte liege.. Ob ich lerne, eine Kokosnuß zu knacken, oder Chapattis (indisches Fladenbrot) zu backen. Statt all das an mir vorbeirauschen zu lassen, den Luxus zu haben alles ganz bewußt zu erleben. Jeden einzelnen Moment. Die Gegenwart genießen, statt von der Zukunft zu träumen...."

Nur fünf Minuten von Andre‘s „privatem" Traumstrand entfernt, liegt das „Sanctuary", ein hangout für Rucksackreisende. Das „Sanctuary" ist immer noch ein Geheimtip für Globetrotter, die alternative leben wollen. Wer hier herkommen will, muß mit dem Fischerboot anreisen. Wenn der Wellengang zu hoch ist, muß man zu Fuß eineinhalb Stunden durch den Dschungel stapfen. Im Gegensatz zu Had Rin, das für seine Vollmond Parties berühmt ist, gibt es im „Sanctuary" kein ‚high tech‘. Ohne Elektrizität, Telephon und ewig plärrende Videofilme, verläuft das Leben hier in Zeitlupe. Die schlichten Holzbungalows des „Sanctuary" liegen mitten im Dschungel. Da kommt es schon mal vor, daß in der open air Dusche es sich eine Riesenspinne im klebrigen Netz gemütlich macht, oder man auf dem Weg zum Strand eine Pyton sich die Palme hochschlängeln sieht.

Fast alle, die hier leben, sind „Traveller" und keine Touristen. Sie kommen und bleiben. Aus Tagen werden Wochen, aus Wochen Monate und Manchmal auch Jahre. Für diese Globetrotter ist Reisen kein Urlaub, sondern Lebensstil: „Gerade zu Hause angekommen, plane ich normalerweise schon den nächsten Trip..."; erklärt Eliot, 24, aus Australien. Seit einem Jahr reist er um die Welt, und in einer Woche geht es zurück nach Australien.- aber nicht für lange. Eliot hat den „travel bug" — er ist mit dem Reisevirus infiziert. Dagegen gibt es nur eine Medizin: Reisen ! Nach Hause kommen Globetrotter, wie Eliot nur um die „schnelle Mark" für das nächste Flugticket zu verdienen. Ein Gesundheitscheck, kurzes Wiedersehen mit Familie und Freunden und dann geht‘s wieder los. Statt jahrelang zu sparen, nimmt man nur das nötigste Cash mit und verdient sich unterwegs mit Gelegenheitsjobs Kost und Logis. Wenn man fernab der ausgetretenen Touristenpfade unterwegs ist, erfährt man, wie preisgünstig es sein kann, im Ausland zu leben. Wohnen und Essen jenseits der Viersterne Hotels ist billig und läßt sich meist durch Teilzeitjobs finanzieren. „On the road" sind viele Fähigkeiten gefragt: Die 24-jährige Becky jobbt ein paar Tage in der Woche an der „Sanctuary"-bar, der 28-jährige Randall unterrichtet jeden Morgen Yoga und die 20-jährige Emma verpaßt den Travellern Haarschnitte. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Doch der Ausstieg aus dem Alltagstrott der westlichen Gesellschaft ist nicht für jeden etwas. Beatrice, eine BWL Studentin und Uniassistentin aus Köln, ist zum erstenmal in Thailand und seit einer Woche auf Koh Phang Nang im „Sanctuary". Sie könnte sich nie vorstellen, hier zu leben: „sich das hier mal so anzuschauen, ist ja ganz nett, aber auf Dauer würden mich die Moskitos nerven und die Plumpsklos und, daß es hier keine Badewanne gibt. Außerdem würde ich mich zu Tode langweilen —ich mag meinen Job und dabei geht es mir nicht nur ums Geld. Ich genieße es etwas zu leisten, statt nur abzuhängen.

Andre sieht die Welt anders: „Wenn man jemand zu Hause fragt: ‚Was ist das Paradies ?‘, dann würden die meisten sagen: ‚ türkisfarbener Himmel, smaragdgrünes Meer, ein unberührter Palmenstrand und Zeit, all das zu genießen...‘ Genau das habe ich hier gefunden. Selbst wenn ich weiterreise, um andere Kulturen kennenzulernen —eines Tages werde ich hierher zurückkommen und bleiben." Der Sonnenaufgang als Wecker, das Meer als Badewanne, die Hängematte als Bett — Robinson Crusoe lebt.

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